HOMÖOPATHIE

Homöopathie? Die meisten Menschen verbinden damit etwas wie „… so in Richtung Naturheilkunde“ oder „… was Alternatives“, „… was Ganzheitliches“, „…das mit den Kügelchen“ oder „… das, wo nichts drin ist“. Nur wenige wissen, was die Homöopathie wirklich ist, auf welchen Prinzipien sie beruht und was sie zu bewirken vermag.

Inhalt
- DAS ÄHNLICHKEITSPRINZIP
- VOM ÄHNLICHKEITSPRINZIP ZUR ARZNEITHERAPIE
- ZUSAMMENFASSUNG DER GRUNDPRINZIPIEN DER HOMÖOPATHIE
Infos zu Homöopathie versus Naturheilkunde und „homöopathischen Dosen“- DIE HOMÖOPATHISCHE BEHANDLUNG
- ZUSAMMENFASSUNG DER MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER HOMÖOPATHIE
Infos zu Arnica und mehr als Arnica
Die Homöopathie ist ein Therapieverfahren, bei dem kranke Menschen, Tiere oder Pflanzen durch die Übermittlung einer spezifischen Information in Form einer Arznei zur Selbstheilung angeregt werden. Somit ist es eine Regulationsmedizin.
In der Homöopathie ist die individuelle Ausprägung der Symptome und Erkrankungen eines Patienten von großer Wichtigkeit. Konkret bedeutet das, dass die Arzneien nicht indikationsbezogen sind, sondern vielmehr auf den Gesamtzustand des Kranken und seine Charakteristika abgestimmt sein müssen.
Die Homöopathie ist eine ganzheitlich Methode, die in ihrer Wirkung sowohl die körperliche als auch die emotionale und geistige Ebene umfasst.
Die Homöopathie als solche geht zurück auf den Arzt Samuel Hahnemann, der von 1755 bis 1843 lebte. Dieser entdeckte Ende des 18. Jahrhunderts das der Homöopathie zugrundeliegende Prinzip wieder: das Ähnlichkeitsprinzip. Dieses machte er in seinem Lebenswerk für die Medizin nutzbar.

Für seine Therapiemethode wählte Hahnemann den Namen „Homöopathie“, um den Bezug zum Ähnlichkeitsprinzip zu verdeutlichen: Abgeleitet von den griechischen Wörtern „homoios“ und „pathos“ bedeutet der Begriff „Homöopathie“ übersetzt so viel wie „ähnliches Leiden“.
DAS ÄHNLICHKEITSPRINZIP
Das Ähnlichkeitsprinzip, auch Simile-Prinzip genannt, besagt, dass „Ähnliches durch Ähnliches geheilt werde“. Diese Aussage bildet das Grundverständnis, das Fundament der Homöopathie: „Similia similibus curentur“.
Da dieses Prinzip sehr abstrakt formuliert ist und auf den ersten Blick geradezu paradox erscheint, soll es zunächst anhand einiger Beispiele erläutert werden:
Sicherlich hast Du bereits die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Substanzen in der Lage sind, Veränderungen hervorzurufen, wenn man sie einnimmt bzw. in Kontakt mit ihnen kommt. So wird man – gerade als Neuling unter den Kaffeetrinkern – nach dem Genuss dieses Getränks mit hoher Wahrscheinlichkeit Herzklopfen und einen schnellen Puls bekommen, aufgeregt und schlaflos werden. Beim Schneiden einer Zwiebel hingegen kommt es oft zum Tränen und Brennen der Augen, zur Sekretion der Nase usw.
Prinzipiell ist jede Substanz in der Lage, solche spezifischen Symptome zu erzeugen. Beim Einwirken einer Substanz auf einen Organismus wird also dessen gerade vorhanden gewesenes Gleichgewicht gestört. Da der Organismus jedoch bestrebt ist, sein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, wird er versuchen, von innen heraus gegenzusteuern und somit die Wirkung des Außenreizes, in dem Fall der Substanz, zu neutralisieren. Diesen Mechanismus macht man sich bei der Homöopathie zunutze.
Praktisch sieht das so aus:
Man wählt die Arznei für einen Kranken aus, die beim Gesunden genau die Symptome hervorruft, unter denen der Kranke leidet. Die Ähnlichkeit zwischen den Symptomen des Kranken und den Symptomen der Arznei ist entscheidend.
Wenn ein Mensch also unter Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Gedankenandrang, übersprudelnden Ideen und Erwartungsspannung leidet, ohne dass er Kaffee getrunken hat, so kommt Coffea (Kaffee) als homöopathisches Heilmittel für diesen Patienten infrage.
Die Zwiebel, Allium cepa, wiederum ist in der Lage, einen Kranken mit Schnupfen zu heilen, wenn jener wässrig und wundmachend ist, mit reichlich Absonderung aus den Augen einhergeht und der Betroffene das Bedürfnis hat, sich die Augen zu reiben.
VOM ÄHNLICHKEITSPRINZIP ZUR ARZNEITHERAPIE
Allein mit der Wiederentdeckung des Ähnlichkeitsprinzips war es noch nicht möglich, dieses in Form einer Arzneitherapie effizient und verhältnismäßig gefahrlos anzuwenden.
Auf dem Weg dorthin stellten sich folgende Fragen:
Wie soll man herausbekommen, welche Symptome eine Substanz am Gesunden erzeugt? Wie soll man giftige Stoffe, wie zum Beispiel Quecksilber, am Gesunden prüfen, ohne dem Prüfer Schaden zuzufügen? Wie ist mit Substanzen zu verfahren, die im Rohzustand gar keine Wirkung haben oder die vielleicht sowieso von uns aufgenommen werden, beispielsweise Wasser oder Sauerstoff? Wie kann man dem Kranken den heilsamen äußeren Reiz zukommen lassen, ohne ihn dadurch zu vergiften? …
Stelle man sich einmal vor, ein Patient habe sehr hohes Fieber mit rotem Gesicht, pulsierende Kopfschmerzen und würde sich vor eingebildeten Dingen fürchten – also Symptome haben, die auf die Arznei Belladonna, die Tollkirsche, hinweisen. Würde dieser Patient nun die Tollkirsche in stofflicher Form verabreicht bekommen, so würde er zusätzlich zu seiner schon bestehenden Erkrankung an den Vergiftungssymptomen dieser Pflanze leiden und womöglich gar nicht mehr im Sinne einer Gegenregulation reagieren können.
Um diese Probleme zu überwinden, entwickelte Hahnemann in den folgende Jahren eine neue Methode der Arzneiherstellung: die Potenzierung.
Zuerst verdünnte er seine Arzneien und schüttelte sie dabei zur besseren Vermischung. Er hatte erwartet, dass ab einem bestimmten Grad der Verdünnung keine Wirkung mehr ersichtlich sei. Unerwarteterweise beobachtete Hahnemann genau das Gegenteil: Je stärker verdünnt und verschüttelt seine Arzneien waren, um so stärker und tiefgreifender wirkten sie. Gleichzeitig ließen die toxischen Effekte nach, sodass er die auf diese Weise potenzierten Arzneien hinsichtlich des Vergiftungsrisikos relativ unbedenklich einsetzen konnte.
Heute wissen wir, dass ab einer bestimmten Potenzierungsstufe (D 24, C 12) der Ausgangsstoff in der Arznei nicht mehr nachweisbar ist. Doch geht man davon aus, dass die Information des Ausgangsstoffs in der Arznei gespeichert ist und diese für die Wirkung verantwortlich ist.
Als Träger der Arznei-Information nutzte Hahnemann Globuli, also Streukügelchen aus Saccharose, die mit der arzneilichen Lösung benetzt wurden, als auch alkoholische Lösungen.
Mit der Erfindung der Potenzierung stand auch der Erforschung neuer Substanzen nichts mehr im Wege. So führte Hahnemann Arzneimittelprüfungen mit potenzierten Substanzen zunächst an sich selbst und später an gesunden Freiwilligen durch, um herauszufinden, welche Symptome eine Arznei hervorrufen kann. Die Erfahrungen und Erkenntnisse daraus, die körperlichen, emotionalen und geistigen Symptome der Prüfer, schrieb er sorgsam nieder, sodass im Laufe der Zeit eine umfangreich homöopathische Arzneimittellehre, die sog. Materia medica, entstand. Zu jeder Arznei gibt es ein Arzneimittelbild, welches sich aus der Gesamtheit der Symptome, die eine Arznei beim Gesunden erzeugen kann, und aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Toxikologie der Ausgangssubstanz zusammensetzt und von klinischen Erfahrungen bereichert wird.
Bis heute werden Arzneimittelprüfungen mit potenzierten Arzneien durchgeführt. Die Ausgangsstoffe für homöopathische Arzneien sind sehr vielfältig: Substanzen pflanzlicher und tierischer Herkunft, Elemente und ihre Verbindungen, aber auch Stoffwechselprodukte, krankhafte Gewebe oder Absonderungen, synthetisch hergestellte Substanzen und sogenannte Imponderabilien, „Unwägbare“, finden ihren Einsatz als Arzneimittel. Aktuell umfasst der homöopathische Arzneischatz mehr als 3000 Arzneien.
ZUSAMMENFASSUNG DER GRUNDPRINZIPIEN DER HOMÖOPATHIE
Das wichtigste Grundprinzip der Homöopathie ist
das Ähnlichkeitsgesetz.
„Wähle, um sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (homoion pathos) für sich erregen kann, als sie heilen soll!“
(aus dem „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann , 6. Auflage, erschienen 1921)
Eine weitere Säule der Homöopathie ist
die Arzneimittelprüfung am Gesunden.
„§. 108.
Es ist also kein Weg weiter möglich, auf welchem man die eigenthümlichen Wirkungen der Arzneien auf das Befinden des Menschen untrüglich erfahren könnte – es giebt keine einzige sichere, keine natürlichere Veranstaltung zu dieser Absicht, als dass man die einzelnen Arzneien versuchsweise gesunden Menschen in mässiger Menge eingibt, um zu erfahren, welche Veränderungen, Symptome und Zeichen ihrer Einwirkung jede besonders im Befinden des Leibes und der Seele hervorbringe, das ist, welche Krankheits-Elemente sie zu erregen fähig und geneigt sei […]“
(aus dem „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann , 6. Auflage, erschienen 1921)
Außerdem ist
die Potenzierung der Arzneistoffe
ein elementarer Bestandteil der Homöopathie als Arzneitherapie.
„§. 269.
Die homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem besondern Behufe die innern, geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen, mittels einer ihr eigenthümlichen, bis zu meiner Zeit unversuchten Behandlung, zu einem, früher unerhörten Grade, wodurch sie sämmtlich erst recht sehr, ja unermesslich – „durchdringend“ wirksam und hülfreich werden, selbst diejenigen unter ihnen, welche im rohen Zustande nicht die geringste Arzneikraft im menschlichen Körpern äussern. Diese merkwürdige Veränderung in den Eigenschaften der Natur-Körper, durch mechanische Einwirkung auf ihre kleinsten Theile, durch Reiben und Schütteln […] entwickelt die latenten, vorher unmerklich, wie schlafend in ihnen verborgen gewesenen, dynamischen Kräfte […]“
(aus dem „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann , 6. Auflage, erschienen 1921)
Ein weiterer wichtiger Grundpfeiler der Homöopathie ist
die Ganzheitlichkeit
und damit der Anspruch, nicht nur einzelne Symptome zum Verschwinden zu bringen, sondern die Gesundheit von innen heraus zu stärken.
„§. 58.
Wenn ich auch bei Beurtheilung dieser [nicht-homöopathischen] Arznei-Anwendung den Umstand übergehen wollte, dass hiebei sehr fehlerhaft , bloss symptomatisch verfahren, d.i. nur einseitig für ein einzelnes Symptom, also nur für einen kleinen Theil des Ganzen gesorgt wird, wovon offenbar nicht Hülfe für das Total der Krankheit, die allein der Kranke wünschen kann, zu erwarten ist, so muss man doch auf der andern Seite die Erfahrung fragen, ob in einem einzigen Falle solchen antipathischen Arzneigebrauchs, gegen eine langwierige oder anhaltende Beschwerde, nach erfolgter, kurz dauernder Erleichterung, nicht eine grössere Verschlimmerung der so palliativ Anfangs beschwichtigten Beschwerde, ja Verschlimmerung der ganzen Krankheit erfolgte?“
(aus dem „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann , 6. Auflage, erschienen 1921)
Anmerkung: Auch wenn Hahnemann es pflegte, die Unvereinbarkeit (der Prinzipien) der konventionellen Medizin (Allopathie) und (der Prinzipien) der Homöopathie immer wieder zu betonen, zeigt der praktisch-ärztliche Alltag, dass es sehr wohl ein Miteinander beider Methoden geben kann und dies – im Sinne der Patienten – auch wünschenswert ist.
Dass Homöopathie nicht mit Naturheilkunde gleichzusetzen ist, zeigt sich daran, dass in der Homöopathie die Verschreibung potenzierter Arzneien verschiedenster Ausgangssubstanzen nach dem Ähnlichkeitsprinzip erfolgt, während in der Naturheilkunde überwiegend pflanzliche Arzneien indikationsbezogen zum Einsatz kommen. Außderdem umfasst die Naturheilkunde neben der Phytotherapie noch die Hydro-, Ordnungs-, Bewegungs- und Ernährungstherapie.
Mit dem Begriff „homöopathische Dosen“, von dem in der Umgangssprache oftmals die Rede ist, wenn gemeint ist, dass es sich um eine sehr geringe Dosis, ein Fast-Nichts handelt, welches eigentlich auch keine Wirkung entfalten kann, ist es etwas schwieriger:
Mit einer Dosis wird in der Regel die Menge einer Arznei beschrieben. In einer homöopathischen Arznei (ab D 24 bzw. C 12) befindet sich jedoch keine Menge (im Sinne von Masse) des Ausgangsstoffs mehr. Insofern sind die Begriffe „Dosis“ und „Menge“ für die Beschreibung einer homöopathischen Arznei ungeeignet. Sie reduzieren eine homöopathische Arznei nur auf deren Verdünnungsgrad, ohne jedoch die Potenzierung zu berücksichtigen. Diese ist mit chemischen Methoden nicht messbar, mit physikalischen Messverfahren jedoch durchaus darstellbar.
Somit ist es besser, von „potenzierten Arzneien“ zu sprechen denn von „homöopathischen Dosen.“
DIE HOMÖOPATHISCHE BEHANDLUNG
Eine homöopathische Behandlung erfordert es, dass der Homöopath Kenntnis von den Beschwerden seines Patienten erlangt und sich auch mit bisher erhobenen Befunden, Diagnosen und der Medikation des Patienten vertraut macht. Für die Wahl des passenden homöopathischen Arzneimittels sind Diagnosen und allgemeine, nicht näher spezifizierte Symptome jedoch in der Regel nicht ausreichend. Insofern bedarf es – je nach Situation – einer genauen Anamnese oder (bei Menschen, die sich selbst nicht verständlich machen können, sowie bei Tieren und Pflanzen) einer trefflichen Beschreibung durch Nahestehende (Fremdanamnese) sowie einer guter Beobachtungsgabe. Ebenso spielt die klinische Untersuchung eine wichtige Rolle, um ein genaueres Bild der Symptome, des Schweregrads der Erkrankung und der Dringlichkeit zu erhalten.
die chronische Behandlung
Zu Beginn einer chronischen Behandlung, die oft auch als konstitutionelle Behandlung bezeichnet wird, steht im Normalfall ein ausführliches, häufig länger als eine Stunde dauerndes Gespräch: die homöopathische Erstanamnese.
Dabei fragt der Homöopath nach der Hauptbeschwerde als auch nach weiteren Symptomen und Besonderheiten seines Patienten. Wichtig ist, dass dieser das individuelle Erleben seiner Beschwerden mit seinen eigenen Worten schildern kann.
Nach der Anamnese ist es die Aufgabe des Homöopathen, alle gewonnenen Informationen so zu strukturieren, dass sie sich bei der Suche nach der passenden homöopathischen Arznei gut nutzen lassen. Dies ist eine intensive Arbeit, die bestimmten Regeln folgt und zu der auch die Gewichtung der Symptome zählt. Diese unterscheidet sich abhängig von den Werkzeugen, die der Homöopath nutzt. Werkzeuge können sog. Repertorien sein, aber auch Datenbanken und Systematiken der Arzneien.
Schließlich wählt der Homöopath eine bestimmte homöopathische Arznei aus und verordnet diese abhängig von den Umständen des Patienten und dem Behandlungsziel in Absprache mit diesem in einer bestimmte Potenz und Darreichungsform. Ebenso werden die Dauer und Häufigkeit der Einnahme(n) festgelegt.
Die entsprechenden Globuli oder eine alkoholische Lösung der bekannteren homöopathischen Arzneien können in der Regel über eine Vielzahl von Apotheken bezogen werden. Manche Arzneimittel sind jedoch nur in Apotheken erhältlich, die sich auf Homöopathie spezialisiert haben.
Was die Wirkdauer und Einnahmehäufigkeit der potenzierten Arzneien betrifft, so ist zu sagen, dass es keine klassischen Dosis-Wirkungs-Kurven gibt. Die Wirkdauer ist in erster Linie abhängig vom Reaktionsmuster des Patienten und der Ausprägung seiner Beschwerden. Während es bei einer chronischen Behandlung möglich ist, dass die Wirkung einer einmalig eingenommenen C 200 mehrere Wochen und länger andauert, wirken die Arzneien im akuten Fall in der Regel deutlich kürzer. Allgemein gilt, dass Wirkdauer und Wirkintensität mit steigendem Potenzierungsgrad zunehmen, dass beispielsweise eine C 1000 (Potenzgrad, bei dem 1000 Mal 1:100 verdünnt sowie verschüttelt wurde) länger und tiefgreifender wirkt als eine C 30 (Potenzgrad, bei dem 30 Mal 1:100 verdünnt sowie verschüttelt wurde) der gleichen Arznei. Letztlich kann die Wirkdauer einer homöopathischen Arznei in einer bestimmten Potenz im Voraus nur geschätzt und später mit dem Patienten eruiert werden.
Die Reaktionen auf eine Mittelgabe sind ebenfalls von vielen Faktoren abhängig, u. a. von der Regulationsfähigkeit des Patienten. Berichte decken eine große Bandbreite möglicher Reaktionen ab. So sind Fälle beschrieben, wo sich bereits kurz nach Einnahme des homöopathischen Arzneimittels eine deutliche Besserung einstellt. In anderen Fällen zeigt sich eine deutliche Besserung am nächsten oder übernächsten Tag. Aber auch subtile Veränderungen über mehrere Wochen hinweg sind denkbar. Daneben kann es zu einer vorübergehenden Erstverschlimmerung schon bestehender Symptome kommen. Oft berichten Patienten, dass sich zuerst ihr allgemeines Befinden gebessert habe, ehe bestimmte lokale Symptome nachgelassen hätten. Auch das vorübergehende Wiederauftreten von Symptomen, die der Patient von früher kennt, sowie verstärkte Ausscheidungsprozesse als Zeichen der Regulationstätigkeit des Organismus sind bekannt.
Eine weitere Option ist, dass der Patient nach Einnahme der Arznei gar keine Veränderungen wahrnimmt oder dass sich neue Symptome entwickeln, ohne dass sich sein Allgemeinbefinden spürbar verbessert. Hier gilt es im Folgegespräch zu eruieren, warum sich der gewünschte Behandlungserfolg nicht eingestellt hat.
Bei der homöopathischen Folgeanamnese im Rahmen der chronischen Behandlung, die meist deutlich kürzer als die Erstanamnese dauert, fragt der Homöopath seinen Patienten zum genauen Verlauf nach der Arzneimittelgabe. Gemeinsam mit ihm entscheidet er über das weitere Vorgehen.
Weitere Folgeanamnesen finden in regelmäßigen Abständen bzw. später nach Bedarf statt.
die Akutbehandlung
Die homöopathische Behandlung bei Akutkrankheiten unterscheidet sich von der chronischen Behandlung: Die Akutanamnese ist in der Regel deutlich kürzer und im Wesentlichen auf die Symptome sowie Auslöser des akuten Leidens ausgerichtet. Auch die Beurteilung der Reaktion auf die Arznei und ggf. die Wiederholung der Arznei oder – bei ausbleibender Besserung oder dem Auftreten neuer Symptome – der Wechsel der Arznei finden in kürzeren Zeitabständen statt.
Genau wie bei der chronischen Behandlung sind ergänzend zur Krankheitsdiagnose vor allem die individuellen Symptome des Kranken inklusive seines emotionalen und geistigen Zustand wegweisend für die Wahl der passenden homöopathischen Arznei.
Für akute Beschwerden gibt es zahlreiche Ratgeber zur Selbstbehandlung. Auf der einen Seite sind sie ein guter Einstieg, um ein Gespür für die Homöopathie und die Wirkweise der Arzneien zu bekommen, auf der anderen Seite muss man anmerken, dass sie dem vollen Potenzial der Homöopathie nicht gerecht werden. Außerdem bergen sie die Gefahr, dass der Leser die Arzneien überdosiert. Eine solche Überdosierung kann dazu führen, dass neue Symptome auftreten und dadurch die eigentlichen Anzeichen der Erkrankung „verfälscht“ werden, was die weitere Behandlung erschwert.
Um im Akutfall schnell handlungsfähig zu sein, haben viele Patienten eine homöopathische Hausapotheke mit einer Auswahl bewährter Arzneimittel im Haus.
ZUSAMMENFASSUNG DER MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER HOMÖOPATHIE
Beginnen wir mit den Grenzen der Homöopathie:
Homöopathie ist kein Allheilmittel und nicht für jeden Patienten bzw. jede Situation die geeignete Therapiemethode.
Homöopathie ist kein Ersatz für eine gesunde Lebensweise. Allerdings kann ein richtig gewähltes homöopathisches Arzneimittel es dem Patienten leichter machen, auf vermeidbare Schädlichkeiten zu verzichten, da dieser dann mehr aus seiner Mitte heraus agiert und einen größeren Handlungsspielraum hat als vor der Mitteleinnahme.
Wenn Traumata in der eigenen Biografie oder im Leben der Vorfahren eine Rolle bei der Entstehung einer Erkrankung bzw. Symptomatik spielen, kann die passende homöopathische Arznei helfen, einen konstruktiven Zugang dazu zu finden. Die bewusste Aufarbeitung und Integration dieser Ereignisse kann die Homöopathie dem Patienten jedoch nicht abnehmen.
Eine weitere Begrenzung der Wirkung homöopathischer Arzneien ergibt sich auch aus den Erkrankungen des Patienten: Nach dislozierten Frakturen kann die Homöopathie den Heilungsprozess erleichtern, eine unfallchirurgische Behandlung mit Reposition der Knochenteile kann sie jedoch nicht ersetzen. Gleiches gilt, wenn es bedeutsame Gewebedefekte gibt oder Organe bzw. Organteile nach einer vorangegangenen Operation fehlen. So werden bei einem Diabetes mellitus Typ 1 weiter Insulingaben nötig sein, nach Entfernung der Schilddrüse Thyroxingaben.
Die Homöopathie ist eine komplexe Methode, die man nicht – mal eben – an einem Wochenende erlernen kann.
Da sie in der Öffentlichkeit oft in ein schlechtes Licht gerückt wird, wird es für (angehende) Homöopathen zunehmend schwieriger, wohnortnah fundierte Aus- und Fortbildungsangebote zu finden.
Trotz des größten Bestrebens eines Homöopathen, das Simile bzw. Similimum zu finden, kann dies nicht garantiert werden. Da es mehrere tausend Arzneien gibt, von denen eine auszuwählen ist, vermögen es selbst erfahrene Homöopathen nicht, für jeden Patienten auf Anhieb das passende Azneimittel zu finden. In einigen Fällen werden sie es im Laufe der Behandlung – ggf. nach Neuaufnahme des Falls – doch noch finden, in anderen Fällen nicht. Ein Grund dafür könnte auch sein, dass das Arzneimittel, welches das Similum wäre, als homöopathische Arznei noch nicht verfügbar, noch nicht erforscht ist.
Obwohl potenziert Arzneimittel (außer niedrige D-Potenzen) keine toxischen Nebenwirkungen hervorrufen können, gibt es Menschen, die sehr stark auf potenzierte Arzneien (vor allem auf höhere Potenzen) reagieren. Die Homöopathie ist somit keine Methode, bei der man wahllos Arzneien ausprobieren sollte. Vielmehr sind homöopathische Arzneien stets mit Bedacht und Fachkenntnis zu wählen sind.
Kommen wir nun zu den Möglichkeiten der Homöopathie:
Durch die Anregung der Regulationsmechanismen des Patienten kann die Homöopathie die einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit bei akuten wie auch chronischen Beschwerden leisten, wobei die Veränderungen sich in der Regel auf physischer, emotionaler und mentaler Ebene zeigen.
Das Ziel einer homöopathischen Behandlung ist eine Verbesserung des Gesamtgesundheitszustands, nicht nur das Verschwinden einzelner Symptome.
Ein weiterer sehr wichtiger Vorteil der Homöopathie ist, dass durch ihre Arzneien keine toxischen Nebenwirkungen und keine stoffliche Interaktionen mit anderen Medikamenten hervorgerufen werden können – was sicher für Potenzen ab C 12 und D 24 aufwärts gilt, bei denen statistisch gesehen kein Atom bzw. Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten ist.
Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden ist die Homöopathie ein sehr kostengünstiges Verfahren.
Ein weiteres Charakteristikum der Homöopathie ist, dass sie ohne Tierversuche auskommt.
Die Homöopathie ist umweltschonend, da bei der Herstellung der Arzneien der womöglich toxische Ausgangsstoff nur in geringen Mengen benötigt wird und keine giftigen Zwischen-, Neben- oder Abbauprodukte in nennenswerten Mengen anfallen. Ebenso sind nach der Einnahme homöopathischer Arzneien keine stofflichen Medikamentenrückstände im Abwasser zu erwarten.
Die Besonderheiten der homöopathischen Anamnese bringen neben den Informationen für die Arzneimittelfindung noch mehrere positive Nebeneffekte für den Patienten mit sich: Durch die Art des Fragens und des Zuhörens, das wirkliche Interesse für Details, das Mitgehen mit dem Patienten fühlt dieser sich verstanden und ernst genommen. Auch kann das intensive Gespräch über seine Krankengeschichte seine Selbsterkenntnis fördern.
Durch die Methodenvielfalt innerhalb der Homöopathie stehen verschiedene Werkzeuge für Anamnese und Arzneifindung zur Verfügung, sodass es passende Herangehensweisen für ein breites Spektrum verschiedener Fälle gibt.
Mit der Homöopathie ist es möglich, jede Substanz als Arzneimittel zu nutzen. Der große Arzneimittelschatz, der aktuell schon verfügbar ist, ist quasi unendlich erweiterbar.
Mit dem Kennenlernen einer jeden neuen Arznei lernt der Homöopath auch etwas über die Substanz selbst, ihr Aussehen, ihre chemische Struktur, ihr Vorkommen, ihre Funktionen usw., bezieht also die Erkenntnisse anderer Wissenschaften mit ein. In Zusammenschau mit den Ergebnissen aus der homöopathischen Arzneimittelprüfung entsteht so ein tieferes Verständnis für die Substanz, was oft sehr bereichernd ist.
Außerdem ist die Homöopathie eine Methode, deren Einsatz auch unter widrigen Bedingungen möglich ist. Es braucht lediglich eine Möglichkeit, um die individuellen Symptome eines Patienten zu erfassen, im besten Fall Hilfsmittel, um eine geeignete homöopathische Arznei zu finden, und eine gewisse Auswahl an homöopathischen Arzneien in verschiedenen Potenzstufen.
Nicht zuletzt kann die Homöopathie auch bei Tieren und Pflanzen angewendet werden, was neben dem individuellen Nutzen für das einzelne Tier bzw. die einzelne Pflanze z. B. auch zur Reduktion des Antibiotikaverbrauchs bzw. zur Steigerung des Ertrags beitragen kann.
Dass Homöopathie so VIEL mehr ist als Arnica, dürfte beim Lesen der obigen Ausführungen evident geworden sein.
Arnica montana, der Bergwohlverleih, ist als bewährte Indikation für die Folgen von Schock, stumpfen Verletzungen (Quetschungen, Schläge, Prellungen, Zerrungen) und Schädel-Hirn-Trauma bekannt. Zum Arzneimittelbild gehört auch eine starke Blutungsneigung und ein Zerschlagenheitsgefühl. Besonders charakteristisch für Arnica ist, dass der Kranke seine eigene Hilfebedürftigkeit leugnet und so tut, als gehe es ihm gut, dass er den Arzt wieder fortschickt. Auf der anderen Seite hat der Kranke eine große Angst vor Verletzung seiner Integrität und will nicht berührt werden.
